Stuttgarter Zeitung vom 10.12.2007

Dem Himmel so nah

Der Backnanger Architekt Jörg Wolf plant einen mehr als hundert Meter hohen Wohnturm in Fellbach

FELLBACH. In Fellbach soll in drei Jahren das größte Hochhaus der Region stehen: ein 107 Meter hoher Turm mit 34 Stockwerken. Das Projekt sei zukunftsweisend, sagt der Backnanger Architekt Jörg Wolf. Nicht jeder in der Stadt sieht das auch so.

Von Martin Tschepe

Man könnte sagen, dass Jörg Wolf schon immer hoch hinaus wollte. Der Architekt aus Backnang hört das zwar nicht so gerne, er würde es wahrscheinlich vorsichtiger formulieren. Auffallen, sich durchsetzten, herausragen – diese Wesenszüge jedenfalls hatte er bereits als Kind. "Ich bin vom Leistungssport geprägt worden", sagt er. Vor allem eines habe er dabei gelernt: "Man darf nicht so schnell aufgeben." Wolf sitzt in seinem lichtdurchfluteten Büro in der Backnanger Blumenstraße und erzählt von seiner Zeit als Skirennfahrer, von seinen Mountainbiketouren kreuz und quer durch den Schwäbischen Wald, die er alle paar Tage unternimmt, von den ersten Berufsjahren, als er fast nur herkömmliche Wohnhäuser für Bauträger entworfen hat–Massenware. Und von seinen neuesten, hochfliegenden Plänen, die jetzt in Fellbach verwirklicht werden sollen.

Als Bub, bei den internationalen Skirennen in den Alpen, stand Jörg Wolf selten auf dem Siegertreppchen. Heute gibt sich der 45-jährige Architekt mit der zweiten Reihe längst nicht mehr zufrieden. Gemeinsam mit dem millionenschweren Investor Michael Warbanoff aus Esslingen und anderen Partnern will der Backnanger Baumeister das höchste Wohnhaus der Region Stuttgart errichten. 107 Meter soll der Turm mit seinem 34 Stockwerken messen. Auf dem Fromm-Areal am Fellbacher Ortseingang, zwischen der Stuttgarter Straße und der Eberhardstraße, sollen rund 170 Mietwohnungen mit höchstem Standard, ein Ärzte- und Gesundheitszentrum sowie ein Viersternehotel mit 150 Zimmern entstehen. Der Turm sei das Herz des Entwurfs, sagt Wolf, ohne ihn sei das Vorhaben, das insgesamt 70 bis 80 Millionen Euro kosten soll, keinesfalls zu realisieren. In drei Jahren bereits soll der Turm stehen, ein ehrgeiziges Ziel. Doch Michael Warbanoff und sein Architekt haben mit anderen Projekten in der Region Stuttgart schon mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie ihre Pläne tatsächlich rasch zu verwirklichen wissen.

In der Stadt hat das Projekt geteilte Reaktionen ausgelöst. Der Fellbacher Oberbürgermeister Christoph Palm und die meisten Stadträte jubelten. Endlich habe sich ein Investor gefunden, der in der Lage sei, die Brache auf dem Gelände an der Durchgangsstraße abzubrechen und das Grundstück völlig neu zu bebauen, hieß es. Palm spricht von einem ¸¸wahren Glücksfall” für die Stadt. Kürzlich hat das Stadtparlament den Weg frei gemacht für den Bau des Wolkenkratzers.

Auf der anderen Seite stehen die Bürgerinitiative "Fellbach ist nicht Manhattan" und die SPD-Stadträte, die auch nach dem Votum im Gemeinderat den Turmbau zu Fellbach verhindern wollen. Sie sagen: "Ein neuer Schandfleck ersetzt einen alten." Die Turmgegner wehren sich nicht generell gegen die Bebauung des Fromm-Areals, den Turm indes geißeln sie als "unzeitgemäßen Gigantismus ohne Realitätssinn". Sie haben 3600 Unterschriften gesammelt und fordern jetzt einen Bürgerentscheid. Der Gemeinderat hat dies abgelehnt, worauf die Initiative Widerspruch einlegte. Nun behält man sich vor, gerichtlich gegen die Ratsentscheidung vorzugehen. Den Befürwortern werfen die Gegner ein mangelndes Demokratieverständnis vor.

Der Gegenwind bringt Jörg Wolf nicht aus der Ruhe. Er lümmelt in seinem Sessel, nippt ganz gelassen an seinem heißen Cappuccino. Emotionslos spricht er über die Kritiker und kritisiert seinerseits, dass die Turmgegner nie das Gespräch gesucht hätten.

An einer Wand hinter ihm hängt ein bunter Plan mit dem Grundriss des Turms und der geplanten Nachbargebäude, von oben betrachtet hat das Ensemble die Form einer Fünf. Auf dem Tisch liegen Bilder, die zeigen, wie der Turm eines Tages aussehen soll. Wolf und seine Mitstreiter haben eigens einen Helikopter gechartert und Luftaufnahmen machen lassen. Mit Hilfe dieser Fotos und mit den Plänen kann man sich recht gut ausmalen, welche Aussicht die künftigen Mieter der Wohnungen einmal haben werden. "Der Blick aus den Fenstern und von den Terrassen wird grandios", sagt Wolf und strahlt.

Über das Fromm-Areal als Standort könne man ja vielleicht noch streiten, sagt er. Nicht aber darüber, dass das Projekt ökologisch vorbildlich und zukunftsweisend sei. Die Solarzellen an der Außenhaut des Hochhauses würden fast so viel Strom erzeugen, wie die Mieter verbrauchen. Geplant seien auch ein modernes Blockheizkraftwerk und der ¸¸bestmögliche Wärmeschutz”. Zudem nutze man die Erdwärme als Energiequelle. Das Fellbacher Projekt werde auch im übertragenen Sinn herausragen. Die Mieter sollen aus der gesamten Region kommen, sie können den Service des Luxushotels mitbenutzen, was weit und breit einzigartig sei. Jörg Wolf und Michael Warbanoff gehen davon aus, dass es im Raum Stuttgart genügend solvente Menschen gibt, die für das etwas abgehobene Wohnvergnügen ein paar Euro je Quadratmeter mehr springen lassen. Über die genauen Preise macht er noch keine Angaben.

Bis dato sind die Kalkulationen des Duos fast immer aufgegangen. So haben sie ein riesiges Logistikzentrum in Untertürkheim gebaut und danach an Daimler vermietet. Das Gebäude selbst ist–wie alle Warbanoff-Immobilien–Eigentum des Bauherren geblieben. Ebenfalls in Stuttgart haben die Partner das weit und breit erste privat finanzierte Studentenwohnheim gebaut und "bewiesen, dass man mit dem Budget, das Studenten haben, Gebäude mit gut ausgestatteten Zimmern errichten und sogar Geld verdienen kann", so Wolf. Er plant seit fast zehn Jahren sämtliche Warbanoff-Projekte. Die beiden ticken offenbar ähnlich.

Oberbürgermeister Palm war es, der Warbanoff und Wolf nach Fellbach geholt hat. Er hatte die beiden beim Richtfest des Markthauses in Winnenden–auch eine Warbanoff-Wolf-Projekt–angesprochen und erklärt, dass es am Fellbacher Stadtrand ein ähnlich problematisches Areal gebe, an dem sich in den vergangenen zwölf Jahren bisher alle Planer die Zähne ausgebissen hätten.

Das Bau-Duo ist bekannt dafür, ungewöhnliche Wege zu gehen und vermeintlich Unmögliches möglich zu machen. Wolf nahm sich der Sache an. Mittlerweile hat er den dreizehnten Entwurf vorgelegt. Für den Architekten stand allerdings von Anfang an unverrückbar fest, dass auf diesem Gelände, das von anderen großen Gebäuden umrahmt ist, nur ein Turm die passende Antwort sein kann, "ein Turm, der aus einem Sockel wächst". Zunächst hatte er eine Höhe von 85 Metern vorgeschlagen. Man müsse der Umgebung etwas entgegensetzten. Mit jedem Höhenmeter zusätzlich wirke der Turm aber schlanker. Deshalb jetzt die 107 Meter.

Dass vor nicht langer Zeit ein vergleichbares Projekt auf dem Pragsattel in Stuttgart so ähnlich ausgegangen ist wie einst der Turmbau zu Babel, scheint ihn nicht zu irritieren. Das Projekt Trump-Turm ist ein unrühmliches Kapitel in der Stuttgarter Baugeschichte. Der Turm sollte 180 Meter hoch werden, er ging zwar nicht zu Bruch, so wie in der biblischen Geschichte. Doch die einstigen Partner hatten sich am Ende auch nichts mehr zu sagen. Der Turm wurde nie gebaut.

An dieses Stuttgarter Prestigeprojekt denkt Jörg Wolf nicht. Er glaubt auch nicht, dass sich die Erinnerung an die Terroranschläge auf die Zwillingstürme in New York vom September 2001 negativ auf die Vermietung der Wohnungen in den Obergeschossen des Fellbacher Hochhauses auswirken könnten. "Sämtliche Sicherheitsvorschriften werden beachtet, Fluchttreppen gebaut."

Der Investor Michael Warbanoff will selbst eine der Wohnungen mit den riesigen Fensterfronten und dem Panoramablick, den sie freigeben, beziehen. Jörg Wolf hingegen wird dort nicht wohnen. Er bleibt mit seiner Familie in der Backnanger Villa aus dem Jahr 1922. Es muss nicht immer topmodern sein.




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